Die Children`s Garden School und ihre Geschichte

Schon einige Male haben wir kurze Informationen über die Children`s Garden School in Chennai = Madras in unserem Informationsheft gebracht oder zu Spenden für sie aufgerufen, da die DIG und unsere Zweiggesellschaft Berlin gewissermaßen eine Art Patenschaft über diese südindische Erziehungseinrichtung übernommen haben.

Es dürfte weitgehend unbekannt sein, welche deutschen Wurzeln und Verbindungen diese Schule hat und daß ihr Werden und Wirken auch weiterhin unsere volle Unterstützung verdient.

Die heute weit über Tamilnadu hinaus bekannte Bildungseinrichtung wurde am 7.September 1937 in einem kleinen Haus in der Dwarka Colony im Stadtteil Mylapore in Madras von Dr. V.N.Sharma und Frau Ellen Sharma gegründet und begann mit gerade einmal 7 Schülern. Wer waren nun diese Begründer? Dr. V.N.Sharma wurde 1897 in Andhra Pradesh geboren und nach dem frühen Tod seiner Eltern von einem Onkel aufgezogen, der ihm eine gute Erziehung ermöglichte. Er interessierte sich für alte indische Geschichte, Kunst, Literatur und Philosophie, aber auch für die theosophische Bewegung und die Erziehungsmethoden von Dr. Besant. Zuerst erwarb er ein Diplom für Lehrerausbildung an der Nationaluniversität Adyar, einem Institut, das von Dr. Besant gegründet und von Rabindranath Tagore geleitet wurde. Eigentlich wollte er seine weitere Ausbildung in den Vereinigten Staaten fortsetzen, aber auf dem Wege dahin verbrachte er 6 Monate in England, wo er an verschiedenen Schulen hospitierte. Hier hörte er auch das erste Mal von der Odenwald-Schule in Deutschland, die damals von dem fortschrittlichen Pädagogen Dr. Paul Geheeb und seiner Frau gegründet worden war. Deren neue, revolutionäre Erziehungsmethoden interessierten ihn und er bewarb sich um eine Anstellung als Lehrer an dieser Schule und er wurde angenommen. Neben seiner Lehrtätigkeit konnte er hier auch seine Beschäftigung mit dem alten Indien weiterführen, zumal ihm eine entsprechende reichhaltige Bibliothek über Indien bei der Lehrerin Alwina von Keller der Odenwald-Schule zur Verfügung stand. Die Tochter von Frau Keller, Ellen, war wie ihre Mutter von den Erziehungsmethoden der Odenwald-Schule angetan. Diese Methoden und Prinzipien waren - jedem Kind individuelle Aufmerksamkeit gewähren, jedem Kind erlauben seine angeborenen Talente zu entwickeln, ihm die Freiheit zu denken zu geben, in natürlicher Umgebung zu leben und vielfältige kulturelle Aktivitäten zu entwickeln.

Für V.N. Sharma blieb es nicht bei der Benutzung der Kellerschen Bibliothek, er verliebte sich auch in Ellen und beide heirateten 1931. Bis 1934 lehrten beide weiter an der Odenwald-Schule. V.N. Sharma promovierte 1932 noch an der Universität Heidelberg und lehrte anschließend ein Jahr an der Universität in Jena. Ellen erwarb den Master of Education an der Universität Kassel.

Folgerichtig war es ihr Wunsch, diese neuen Erziehungsmethoden auch nach Indien zu bringen, da auch die Odenwald-Schule unter dem Druck der Nationalsozialisten in die Schweiz emigrieren mußte.

So erreichten im November 1936 Dr. Und Mrs. Ellen Sharma Madras und sie begannen dort ihr Wirken als Erzieher. In ihrem kleinen Haus in der Dwaraka Colony an der Brindavan Sroad im Stadtteil Mylapore von Madras eröffneten sie mit den ersten 7 Schülern ihre Children`s Garden School. Ihr Symbol wurde der Banyan-Baum, der in Indien für Weisheit und Schutz steht.

Mit den mitgebrachten Spielzeugen und Lernhilfen aus Deutschland begannen die Sharmas so ihre für Indien neuen Erziehungsmethoden einzuführen, was sich schnell herumsprach. Es war das Anliegen des Ehepaares Sharma, das Beste aus westlichen und östlichen Erziehungsmethoden zusammenzuführen und ein Modell zu schaffen, in dem jedem Kind ermöglicht wird, seine angeborenen Talente bei der Aneignung von Wissen zu entwickeln und zu entfalten. Diese Methode, verbunden mit dem persönlichen Engagement der zwei Sharmas, sprach an und bereits Ende 1938 hatten sie schon 75 Schüler. Darin eingeschlossen war eine Sektion Kindergarten, deren Erziehungsweg, über das Spiel zu Wissen zu kommen, der indischen Mentalität sehr entgegen kam. Deshalb wurde dieser Kindergarten bald zu einer eigenen speziellen Schule ausgebaut und offiziell anerkannt.

Ellen Sharma entwarf auch Erziehungsspielzeug, das aus billigen einheimischen Rohmaterialien hergestellt werden konnte. 1939 stellte Ellen Sharma eine größere Ausstellung solcher Spielzeuge und Lehrmaterialien vor, für die der Erziehungsminister von Madras die Schirmherrschaft übernahm.

1940 hatte die Schule bereits 132 Schüler und 13 Lehrer und es wurde ein Komitee gegründet und eine Verfassung angenommen, die Stellung, Verwaltung und Leitung der Schule regelte. 1941 schließlich wurde das Schulgebäude zu klein und man zog in die damalige Edward Elliots Road No. 39, heute die Dr. Radhakrishnan Salai 11/12, wo sich auch bis heute das Hauptgebäude befindet.

Der Krieg brachte auch Probleme für die Schule mit sich in Form bestimmter Einschränkungen und Mängel oder steigender finanzieller Belastungen. Auch verließen einige Familien mit ihren Kindern Madras aus Angst vor möglichen Kriegseinwirkungen. Zudem wurde oder mußte die Hindustan Scouts Association in der Schule zugelassen werden. In dieser Zeit hielt der Lehrkörper zu Dr. und Mrs. Sharma und mit persönlichen Opfern und Engagement konnten anfallende Probleme gemeistert werden. Ende 1942 besuchten immerhin noch 200 Schüler die Klassen. Zwei Jahre später war es notwendig geworden, einigen Kindern Unterkunft, Essen und Fürsorge rund um die Uhr zu gewähren. Das führte zur Errichtung eines Hostels, in dem anfangs 18 Kinder untergebracht wurden.

Die Regierung von Madras begann sich mehr und mehr für die Schule zu interessieren und zu engagieren. Durch ihre Unterstützung vor allem in der Zeit des Krieges konnte die Zahl der Schüler auf 260 steigen. Einen großen weiteren Entwicklungsschub gab es mit der Unabhängigkeit Indiens 1947. Bis 1948 stieg die Zahl der Schüler auf 350, davon 200 Kindergarten-Kinder. Der Mangel an guten Kindergarten-Lehrerinnen, die nach den Methoden von Ellen Sharma lehren und arbeiten wollten, mußte auch behoben werden.. Das Ehepaar Sharma begann deshalb mit dem Brindavan Kindergarten Teacher`s Program. Sie kauften dafür ein anschließendes Gebäude und führten entsprechende Ausbildungsklassen für Mütter ein, erstmals auch mit Hindi-Unterricht verbunden. 20 Jahre lang mußten sie einen für diesen Landkauf aufgenommenen Kredit zurückzahlen. 1950 konnten m it Hilfe einer Spende der Regierung richtige Gebäude für dieses Ausbildungszentrum errichtet werden. Insgesamt konnte man in den 50er Jahren einen kontinuierlichen Aufschwung verzeichnen. 1958 gab es bereits 941 Kinder an der Schule, 120 von ihnen wurden im Schulheim untergebracht und verpflegt. Jedes Kind wurde auch medizinisch betreut und erhielt jeden Tag ein Glas Milch. Mit Unterstützung des Central Welfare Board konnten 200 Kinder eine kostenlose Erziehung und ein tägliches Mittagessen an der Schule erhalten. In den folgenden Jahren gab es ständig Erweiterungen und Erneuerungen und Verbesserungen bis hin zu steigenden Gehältern für die Lehrer, was mit Hilfe inländischer und ausländischer Unterstützung möglich wurde.

1978 verstarb Ellen Sharma, die eigentliche Begründerin der Children`s Garden School, und ihre Tochter Miss Sakuntala Sharme übernahm die Leitung der Schule. 1986 folgte dann Dr. V.N.Sharma seiner Frau Ellen. Die Kinder und ehemalige Schüler setzten das Werk der beiden Sharmas erfolgreich fort.. Heute gibt es im Komplex der Children`s Garden School in Madras zwei Kinderkrippen, einen Kindergarten, zwei Primary Schools, eine Higher Secondary School und eine Matriculation School mit insgesamt 4000 Kindern und Schülern. Zwei der Einrichtungen tragen jetzt den Namen der früheren Gründerin, die Mrs. Ellen Sharma Memorial Primary School und die Ellen Sharma Matriculation Higher Secondary School, daneben gibt es noch das Sharma Centre for Heritage Education und das Sharma Children`s Museum.

Die Ausbildung an der Schule hat einen hohen Standard und eine ausgezeichnete Reputation in Tamilnadu. Es wird in Tamil und Englisch unterrichtet, für die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer gibt es Labors und ein Computer Science Department. Aber auch Kunst, Kultur, Literatur, Musik und Tanz werden gepflegt. Neben dem obligatorischen Sportunterricht gibt es Trainingsmöglichkeiten für Tennis, Badminton, Tischtennis, Judo, Schwimmen und Triathlon. In einem Raksha Nature Club können Schüler mehr über die einheimische Fauna und Flora lernen.

Aus einer Mini-Schule des Jahres 1937 ist nach über 60 Jahren ein kleiner Erziehungstrust geworden, in dem aber die Erziehungsprinzipien und die Ideale von Dr. V.N.Sharma und seiner Frau Ellen weiter gepflegt und praktiziert werden.

Die materielle Grundlage für die Entwicklung dieser vorbildlichen Bildungseinrichtung kam zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus Deutschland, Osterreich und Holland. Unter den führenden Spendern waren deutsche Organisationen wie das Deutsch-Indische Kinderhilfswerk und das Ökumenische Stipendienprogramm sowie "Hilfe für Tibeter" Deutschland ( die Schule integrierte auch in Madras lebende tibetische Flüchtlinge); dazu kommen noch Unesco Holland und das Österreichich-Indische Kinderhilfswerk. Nicht extra ausgewiesen sind die vielen individuellen Spender wie zum Beispiel die Mitglieder der DIG.

Dieser Bericht will unseren Mitgliedern zeigen, wie über Jahrzehnte Hilfe sinnvoll genutzt wurde und daß es sich lohnt, auch weiterhin in das Erbe von Ellen Sharma zu investieren.