Fest- und Feiertage der Indischen Union

Wie im vorigen Info-Heft angedeutet, wollen wir unsere Vorstellung der indischen Feiertage mit zwei Festen beginnen, die zwar unterschiedlichen Charakter tragen und sich auch hinsichtlich ihrer Verbreitung voneinander unterscheiden, aber beide von einer sehr großen Zahl von Indern in den kommenden beiden Monaten gefeiert werden.

Rakshabandhan (wörtlich Schutzbindung, -band) wird dieses Jahr am 19. August begangen, also am Vollmondstag des Monats Shraman (Juli/August). Rakshabandhan fällt also in die Zeit, in der der Monsun beginnt. Dieses Fest hat vorwiegend eine soziale und kaum eine religiöse Ausprägung. Es diente ursprünglich der Sicherung der geschwisterlichen Bindung, verlassen doch die Mädchen mit ihrer Heirat den Schutz des elterlichen Hauses und gehören von nun an zur Familie ihres Mannes. Zu Rakshabandhan bietet sich alljährlich die Gelegenheit, Neues von den Eltern, den anderen Geschwistern, dem heimatlichen Dorf zu erfahren, denn die Brüder kommen zu Besuch, sie überraschen die Schwester mit kleinen Geschenken oder vielleicht auch mit Geld und werden von ihr bewirtet. Die Schwester aber bindet ihnen das Rakhi-Band als Amulett um das rechte Handgelenk. Zugleich vertreten die Brüder die Interessen der Schwester gegenüber ihrer neuen Familie und gewähren ihr somit ihrerseits Schutz und Rückhalt für das oft nicht unkomplizierte Leben im schwiegerelterlichen Haushalt.

Heute binden Frauen und Mädchen an diesem Tag nicht nur ihren Brüdern, sondern allgemein männlichen Verwandten und Freunden die Schnur um das Handgelenk. Ist das wegen getrennter Wohnsitze nicht möglich, schicken sie sie ihnen wohl auch per Post zu. Die jungen Männer sind stolz darauf, möglichst viele solcher Rakhi-Bänder zu erhalten.

Nach der ursprünglichen Auslegung sollte das Umbinden des Amuletts bewirken, dass der betreffende männliche Angehörige durch den Schutz dieses Bändchens von Niederlagen, Krankheit oder Unheil jeder Art verschont blieb. Heute steht hinter diesem Brauch vor allem die Erwartung, dass die männliche Person, der die Rakhi-Schnur umgebunden bzw. geschickt wurde, sich zum Schutz der betreffenden Mädchen und Frauen verpflichtet fühlt.

Wurden die Rakhi-Schnüre früher selbst angefertigt, so kann man sie heute auch kaufen. Wie bei Festtagen allgemein verbreitet, werden auch hier gegenseitig Besuche abgestattet und für die Besucher besondere Süßigkeiten zubereitet.

Traditionell wird in manchen Gegenden Indiens an diesem Tag die Geschichte von Shravan Kumar aus dem Ramayana vorgelesen: Es ist die Legende von einem treuen Sohn, der seine blinden Eltern liebevoll betreut hatte und vom König Dasharatha aus Versehen mit einem Pfeil getötet wurde. Seine alten Eltern starben vor Gram. Shravan hatte keine Schwester, deren Rakhi-Band  ihn vor allem Unheil geschützt hätte !

Der symbolträchtige Gehalt von Rakshabandhan fand und findet in vielschichtiger Weise im sozialen Leben Indiens seinen Niederschlag. Im Rahmen der Protestbewegung gegen die Teilung Bengalens 1905 erhielt das traditionelle Fest des Bruder-Schwesterbandes eine völlig neue Dimension der Einheit und Brüderlichkeit, als, angeregt durch den Dichter Rabindranath Tagore, überall in Bengalen, vor allem aber in Kalkutta, unabhängig von kastenmäßiger oder religiöser Zugehörigkeit die Rakhibändchen ausgetauscht wurden.

Rakshabandhan als Bruder-Schwester-Band spielte auch im Rahmen der Chipko-Bewegung im heutigen Uttaranchal eine Rolle, als 1975 Frauen gegen die übermäßige und unsachgemäße Harzgewinnung protestierten. Sie entfernten die Eisenblättchen, die zum Abfließen des Harzes tief in den Stamm des Kiefernbaumes hineingetrieben worden waren und verbanden die Wundstelle nach der Art des Rakshabandhan. Allerdings wurde hier die Symbolik umgekehrt, es war nicht die Schwester, die sich als Gegenleistung für das Amulett Unterstützung vom Bruder verspricht, sondern hier wurde der Baum als Bruder betrachtet, den die Schwester vor dem Raubbau zu schützen hatte.

Auch im Mythos um die Göttin Santoshi Ma (die Befriedigung oder Zufriedenheit Bringende) ist das Rakshabandhan-Fest von Bedeutung. Santoshi Ma, deren Verehrung seit Ende der sechziger Jahren des 20. Jh. vor allem in Nordindien in Verbindung mit einem ihr gewidmeten Film zunehmend an Bedeutung gewann, gilt als die Tochter des elefantenköpfigen Gottes Ganesh. Ganesh hat der mythologischen Überlieferung zufolge zwei Frauen Riddhi (Gedeihen) und Siddhi (Erfolg), und im Vorspiel des Filmes bedauern deren beiden Söhne Kshema (Wohlstand) und Labha (Erwerb), dass sie an der Rakshabandhan-Festlichkeit nicht teilnehmen können, weil sie keine Schwester haben, die ihnen eine Rakhi-Schnur umbindet. Sie bedrängen ihren Vater so lange mit ihrem Verlangen nach einer Schwester, bis schließlich Santoshi Ma, aus Ganeshs Verstand geboren (Bahenmansa: die geistgeborene Schwester), in einer Lotosblüte erscheint und nun auch die beiden Söhne Ganeshs ihr Rakhi-Band erhalten und sich am festlichen Trubel von Rakshabandhan beteiligen können.

 

Ganesh Chaturthi

Mit diesem Fest bleiben wir bei Ganesh. Ganesh Chaturthi gilt als der Geburtstag des liebenswürdigen elefantenköpfigen Gottes und ist ein Fest, das vor allem in Maharashtra, Orisssa, Karnataka und Andhra Pradesh, aber zunehmend auch in ganz Indien gefeiert wird. Es beginnt am vierten Tag (chaturthi) der hellen Hälfte des Monats Bhadrapad oder Bhadron (August / September), also in der Zeit des zunehmenden Mondes, das ist in diesem Jahr der 7. September, und dauert bis zu Beginn des abnehmenden Mondes. Je nach Kasten- oder Familientraditionen wird das Fest nach 3, 5, 7 oder 10 Tagen beendet.

Die Verehrung von Ganesh geht bis in das 5. Jh. zurück, und etwa ab dem 10. Jh. scheint ein unabhängiger Kult um Ganesh fest etabliert zu sein. Es gibt viele unterschiedliche Mythen, mit denen erklärt wird, wieso Ganesh einen Elefantenkopf trägt, und in Uttaranchal wird, unweit von Gaurikund, sogar Sirkata verehrt, eine elefantengestaltige Gottheit ohne Kopf.

Ganesh ist wohl die populärste Gottheit im Hinduismus, mit seiner Verehrung beginnen wichtige Handlungen, seien es eine Puja, geschäftliche Unternehmungen, der Antritt einer Reise, die Vorbereitung auf eine Prüfung und vieles andere mehr. Ganesh hilft, Hindernisse zu überwinden, er ist ähnlich wie Saraswati mit Gelehrsamkeit und den schönen Künsten verbunden und gewährt gleich Lakshmi Glück und Wohlstand.

Ganesh gilt als Sohn von Shiva und Parvati (Uma, Lalita usw.) und ist sozusagen als Super-Baby ähnlich dem kleinen Krishna das Sinnbild des innigen Muter-Kind-Verhältnisses in der hinduistischen Mythologie.

Vor allem in Mumbai und Pune wird das Fest zu seinen Ehren ganz groß gefeiert. Es beginnt damit, dass am vierten Tag des Monats Bhadrapada eine aus Lehm oder Ton gefertigte Figur der Gottes Ganesh ins Haus oder in die Wohnung gebracht, rituell zum Leben erweckt und dort täglich nach einem bestimmten Ritus verehrt wird. Auf den Straßen und Plätzen werden Zelte errichtet, in denen ebenfalls Statuen von Ganesh aufgestellt werden, vor denen Vorträge gehalten und aus religiösen Texten rezitiert wird. Volksfeste, Jahrmärkte und viel lustiges Treiben mit Gesang und Tanz finden überall statt. Höhepunkt ist der letzte, der zehnte Tag. Überall werden Prozessionen organisiert, bei denen diese Tonfiguren auf bunt geschmückten Prozessionswagen mitgeführt werden. Der Umzug endet an einem Gewässer, einem See, einem Fluss oder Teich, in Mumbai ist es das Meer. Hier werden zum Abschluss der Feierlichkeiten die Statuen versenkt.

Die Festlichkeiten gleichen in vielem der Durga-Puja in Bengalen.

Bal Gangadhar Tilak (1856 - 1920), eine der herausragenden Persönlichkeiten der nationalen Bewegung Ende des 19. und Anfang des 20. Jh., nutzte die Popularität von Ganesh, um durch die Inszenierung religiöser Festlichkeiten vor allem die nationalen Gefühle der breiten Volksmassen zu wecken, womit zwar die Einheit der Hindus gefördert wurde, was sich aber  negativ auf  das Zusammengehörigkeitsgefühl von Hindus und Muslimen auswirkte, zumal durch die groß aufgezogene Ganesh-Verehrung das etwa gleichzeitig stattfindende Moharram-Fest der Muslime in den Hintergrund gedrängt wurde. Tilak hielt Feste von gesamtnationaler Bedeutung für entscheidende Mittel, Indien allumfassend zu einer Nation zu entwickeln, und die weite Verbreitung der Verehrung von Ganesh bot nach seiner Meinung dafür eine geeignete Basis, so dass durch sein Wirken aus einem ursprünglich privaten nun eine große öffentliche Festlichkeit wurde.

In den Tempeln werden an diesem Tag den Ganesh-Statuen Milch und Süßigkeiten geopfert. Das Chaturthi-Fest 1995 (am 23. September) ist mit seinem Milchwunder in die Geschichte eingegangen: An diesem Tag sollen die Ganesh-Statuen die ihnen geopferte Milch tatsächlich aufgesaugt haben, und die Kunde davon verbreitete sich wie ein Lauffeuer bei den Hindus in aller Welt. Augenzeugen beteuerten, selbst gesehen zu haben, wie die Milch aus einem Ganesh vor den Rüssel gehaltenen Teelöffel allmählich verschwand ...

 

Literaturempfehlung: Johannes Beltz. Ganesha. Der Gott mit dem Elefantenkopf. Katalog der Ausstellung des Museums Rietberg Zürich 2003 und des Ethnologischen Museums Berlin 2003/2004 (mit einer CD)

Hiltrud Rüstau